Thema: €uro am Sonntag
Kapitalistische Übertreibung
Ausblick 2010. Ad van Tiggelen, 51, ist einer der wichtigsten Vordenker bei ING Investment Management. €uro fragte den Niederländer, wo er für Anleger Chancen und Risiken wittert.
€uro: Mijnheer van Tiggelen, im Herbst 2008 konnten Politik und Notenbanken den Zusammenbruch des Finanzsystems abwenden. Wo stehen wir heute?
Ad van Tiggelen: Wir erleben erneut einen Trendbruch. Die 80er und 90er haben die sozialistische Übertreibung der 70er-Jahre korrigiert. Weil Inflation und Zinsen stetig fielen, waren dies für Anleger zwei großartige Jahrzehnte. Seit dem Jahr 2000 gab es dagegen kapitalistische Übertreibungen, deren Merkmal hohe Schulden waren. Auch dies wird nun korrigiert.
€uro: Mit welchen Folgen?
van Tiggelen: Staaten und private Haushalte müssen sparen, um ihre Schulden abzubauen. Das führt zu niedrigeren Wachstumsraten in den westlichen Industrieländern. Bill Gross von Pimco spricht deshalb von einer „Neuen Normalität“. Ich stimme ihm zu.
€uro: Die Deutschen mögen mehr konsumieren, mahnen die Angelsachsen. Ist das ein Ausweg?
van Tiggelen: Der deutsche Konsument soll die Weltkonjunktur retten? Daran glaube ich nicht. Die Deutschen neigen traditionell zum Sparen, das lässt sich so schnell nicht ändern.
€uro: Wie sollen die Staaten denn ihre Schulden abbauen? Durch höhere Inflationsraten?
van Tiggelen: Dann stiegen auch die Zinsen. Das wäre für die Staaten kontraproduktiv. Im Übrigen sehe ich in den Industrieländern keine höheren Inflationsraten.
€uro: Wieso nicht?
van Tiggelen: Dazu müssten die Löhne steigen. Das ist unwahrscheinlich. Zudem konsumieren gerade alternde Gesellschaften wie Japan und Deutschland immer mehr Dienstleistungen. Das dämpft die Inflation.
€uro: Wie ist die Lage in den Schwellenländern?
van Tiggelen: Junge Leute kaufen dort Autos und bauen Häuser. Das treibt die Inflation, weil für beides viel Material nötig ist.
€uro: Was bedeutet Ihr Szenario für Anleger? Etwa bei Bonds?
van Tiggelen: Deutsche Bundesanleihen sind trotz drei Prozent Rendite attraktiver, als viele denken.
€uro: Und Aktien?
van Tiggelen: Die Frage lautet: Wie erziele ich attraktive Erträge bei gleichzeitig niedrigem Wachstum?
€uro: Ihre Antwort?
van Tiggelen: Schwellenländer bleiben interessant und haben gegenüber den Industrieländern aufgeholt. Für sie sprechen die bessere
Demografie, die geringeren Schulden und die hohen Vorkommen an Rohstoffen, deren Preise langfristig steigen dürften.
€uro: Gibt es Alternativen zu Schwellenländern?
van Tiggelen: Qualitativ hochwertige Large Caps. Derzeit sind zum Beispiel etliche Pharmawerte unterbewertet.
Zudem empfehlen wir dividendenstarke Aktien, weil Dividenden langfristig die Hälfte der Aktienerträge erzielt haben.
€uro: 2009 sind Aktien massiv gestiegen. Sind sie noch attraktiv?
van Tiggelen: Wir denken schon. Die Gewinne wachsen dieses Jahr um 25 Prozent und die KGVs liegen unter ihrem Durchschnitt seit 1973. Allerdings werden die Jahre 2011 und 2012 schwieriger. Aber das ist Zukunftsmusik.
| Schlagworte: | Ad van Tiggelen, Bundesanleihen, Inflation, Schwellenländer, Wachstumsraten |
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